Niemals Vergessen
Interventions in public space, website, media articles, January and November 2005
Michael Fleischner, Eduard Freudmann und Can Gülcü
http://niemals-vergessen.at
Das fiktive Szenario Niemals Vergessen umfasst die beiden Projekte airport.praterstern und basistunnel.loiblpass, welche jeweils ein utopisches Bauvorhaben an zeithistorisch bedeutsamen Orten mit der Aufarbeitung österreichischer Geschichte verbinden. Der neue Flughafen am Wiener Praterstern ist jenen zur Rückkehr gewidmet die während des Nationalsozialismus aus Österreich vertrieben wurden, der von KZ-Insassen errichtete Loibltunnel an der österreichisch-slowenischen Grenze wird zum "Museum des österreichischen Widerstands" umfunktioniert während ein Basistunnel für die neue Magnetschwebebahn zwischen Klagenfurt und Ljubljana gebaut wird. Mithilfe verschiedener Kommunikationsmittel wie Informationsveranstaltungen, Radiosendungen, Zeitungsartikeln, Webseiten und Internetforumseinträgen wurden die Bauvorhaben der Öffentlichkeit präsentiert und dienten dabei als Blickfang für den eigentlichen Inhalt des Projekts: Nachdem sich 2005 die Befreiung vom Nationalsozialismus zum 60. Mal jährte, wurde vonseiten der Republik Österreich beschlossen den jahrzehntelangen Versäumnissen nachzukommen und im Rahmen der Initiative Niemals Vergessen versucht die historische und moralische Verantwortung gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus wahrzunehmen und die aktive Aufarbeitung der NS-Geschichte voranzutreiben.
Indem die Republik Österreich den Nationalsozialismus als "Fremdherrschaft" anführte, sich selbst zum "ersten Opfer der Nationalsozialisten" stilisierte und dadurch ihrer historischen und moralischen Verantwortung entzog, legte sie auch das künftige Verhältnis zu den tatsächlichen NS-Opfern fest: Diese wurden gegenüber den TäterInnen bei Pensionsrecht, Restitution, Entschädigung und nichtzuletzt öffentlicher Erinnerung deutlich benachteiligt. Das soll sich nun, 60 Jahre nach der Befreiung Österreichs, ändern. Um jene Versäumnisse wieder gutzumachen, die durch bewusste Verdrängungspolitik jahrzehntelang angehäuft wurden, gründete die Republik Österreich die Initiative Niemals Vergessen. Das Ziel ist die Realisierung von Projekten, in deren Rahmen der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird und die zur aktiven Aufarbeitung der Geschichte beitragen.
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Die Initiative)
Der Nordbahnhof am Praterstern war einst der prunkvollste und meistfrequentierte Bahnhof Österreich-Ungarns. Er stellte das Zentrum der Leopoldstadt dar, des Wiener Bezirks mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil. Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts galt der Bahnhof für die in großer Zahl in der Hauptstadt ankommenden Juden und Jüdinnen aus Osteuropa als das "Tor zur Welt". Die Realisierung eines Flughafens an diesem historischen Ort bedeutet einerseits die Wiederaufwertung des Pratersterns zu einem internationalen Verkehrsknotenpunkt, andererseits bildet der Flughafen den örtlichen Rahmen für die Ankunft jener Personen, die eine Einladung zur Rückkehr nach Österreich annehmen. Für die symbolische Frist von 60 Monaten wird ihnen ein exklusives Nutzungsrecht eingeräumt. Mit der Vertreibung und Ermordung hunderttausender Menschen hat die österreichische Gesellschaft sich selbst einen immensen Verlust an intellektueller, kultureller, wissenschaftlicher, religiöser, ökonomischer und sozialer Vielfalt zugefügt. Durch die Realisierung von airport.praterstern erhält sie ein Stück ihrer vergangenen Diversität und der Praterstern seine historische Bedeutung zurück. Nun allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Er wird zum "Tor zur Welt" für Wien und Österreich selbst.
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Projektbeschreibung airport.praterstern)
Der Loibltunnel wurde zwischen 1943 und 1945 aus strategischen Überlegungen im Zuge des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs am Balkan und der Eingliederung der slowenischen Gorenjska (Oberkrain) in den Gau Kärnten von Häftlingen des Konzentrationslagers Mauthausen gebaut, die zu diesem Zweck in zwei eigens errichtete Außenlager, das KZ Loibl Nord und das KZ Loibl Süd, deportiert wurden. Während heute auf der slowenischen Südseite durch eine entsprechende Gedenkstätte an die Opfer erinnert wird, übergab man nach Kriegsende auf der österreichischen Nordseite nahezu das gesamte Areal des ehemaligen Konzentrationslagers an den Vorbesitzer, ein ehemaliges illegales NSDAP-Mitglied. Somit überließ man diesen historischen Ort teils der Verwahrlosung, teils der wirtschaftlichen Nutzung – ein charakteristisches Beispiel österreichischer Erinnerungskultur.
Das Bauprojekt im Zuge von basistunnel.loiblpass besteht aus zwei Teilen, die zeitgleich realisiert werden. Einerseits wird westlich von Ferlach/Borovlje der neue Basistunnel für eine direkte Autobahn- und Magnetschwebebahnverbindung zwischen Klagenfurt/Celovec und Ljubljana erbaut. Andererseits wird auf dem Areal des KZ Loibl Nord eine Gedenkstätte errichtet sowie der bestehende Tunnel für den Autoverkehr geschlossen und in das Museum des Österreichischen Widerstands umgewandelt. Somit wird in jener Region, in der KZ-Insassen unter grausamen und menschenverachtenden Bedingungen arbeiten und sterben mussten, in der PartisanInnen heroisch Widerstand leisteten, jene die aus den Lagern flüchten konnten in Sicherheit brachten und schließlich die Überlebenden befreiten, ein Areal der Erinnerung geschaffen, mit dem sowohl den KZ-Opfern als auch den WiderstandskämpferInnen gedacht wird.
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Projektbeschreibung basistunnel.loiblpass)
Neben der Beschreibung der Initiative und deren Projekten, versammelt die Website eine Reihe von Beiträgen verschiedener HistorikerInnen über die nationalsozialistische Geschichte Österreichs und den Umgang mit dieser nach der Befreiung 1945. Elisabeth Klamper und Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands liefern einen Überblick über die Bestandteile des NS-Terrorapparats, Claudia Kuretsidis-Haider von der Österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz befasst sich in ihrem Text mit österreichischen Erinnerungskulturen und Gedächtnislandschaften nach 1945, Wolfgang Neugebauer beschreibt Geschichte und Bedeutung des österreichischen Widerstands und Kurzbeiträge von Elisabeth Klamper, Erika Thurner, Wolfgang Neugebauer/Thomas Ninführ/Helmut Wohnout, Helena Verdel, Brigitte Bailer-Galanda, Friedemann Bedürftig und Walter Manoschek stellen die Verfolgung verschiedener Opfergruppen während des Nationalsozialismus in Österreich dar (Jüdinnen und Juden, Roma, politische GegnerInnen, nationale, sexuelle und religiöse Minderheiten, "erbkranke" Personen, "ungehorsame" Soldaten).
Drei weitere Beiträge behandeln die nationalsozialistische Vergangenheit Kärntens und deren Nachwirkungen: Peter Gstettner von der Universität Klagenfurt rekonstruiert die verdrängte Geschichte des KZ am Loiblpass, die Zeithistorikerin Lisa Rettl beschreibt Widerstand und Verfolgung der Kärntner SlowenInnen zwischen 1938 und 1945 und Valentin Sima, ebenfalls von der Universität Klagenfurt, setzt sich in seinem Text mit der Erinnerungspolitik in Kärnten nach 1945 auseinander. |